Gestern Abend war eine sehr interessante Sendung auf ServusTV zum Thema Innovationen und was zu diesem Stichwort aus dem Vorhaben der EU im Lissabonner Vertrag übrig geblieben ist. Wer die Sendung sehen möchte, drückt hier. Die EU wollte durch Innovationen weltweit die Marktführerschaft übernehmen. Heute jedoch geben China und Indien den Ton an. Ist Europa nicht mehr innovativ genug? Wir schielen viel zu stark auf technische Produktinnovationen, waren sich die Diskutanten in der Runde einig.
Die Lösung scheint eher darin zu liegen, sich um Prozessinnovationen in Organisationen und politischen Systemen zu kümmern. Weiche Faktoren, die einer radikalen Erneuerung bedürfen, soziale Systeme sollten neu erfunden werden! Wie schaffen wir andere Möglichkeiten, das Leben zu finanzieren, wie teilen wir Volksvermögen gerechter auf? Wie sorgen wir für Pflege im Alter, wie schaffen wir es, dass nicht die heute Jungen später mit enormen Schulden dastehen?
Ideen dazu gibt es genug, aber es fehlt an der Umsetzung. D.h. es müssten eigene Wege entwickelt werden, wie sinnvolle Verbesserungen auch durch den Apparat (oder am Apparat vorbei?) geschleust werden können. Das Internet bietet hier hervorragende Möglichkeiten, wir müssen sie nur nutzen. Innovationen sind ein lebenswichtiger Wirtschaftsfaktor, aber sind sie auch nachhaltig? Hier war sich die Runde nicht einig, denn Innovationen leben von rascher Abfolge (”Das Bessere ist der Feind des Guten”). Wenn man aber den Begriff ‘Nachhaltigkeit’ in Richtung von ‘Ressourceneinsparung’ auslegt und nicht, dass etwas möglichst lange ‘nachhält’, dann passen diese Begriffe wieder zusammen.
Michaela Reitterer ist gerne ‘Vorreiterin’! Deshalb hat sie auch beim Zubau ihres Hotels ‘Stadthalle’ in Wien ein Konzept umgesetzt, bei dem sie sämtliche Energiekosten einspart. Wodurch?
Durch die Grundwasserwärmepumpe, Photovoltaikanlage, Solaranlage und drei Windräder (sind die jetzt endlich durch die Gemeinde Wien genehmigt?). Außerdem räumt sie Hotelgästen, die mit öffentlichem Verkehrsmittel anreisen, einen Rabatt von 10% ein. Warum allerdings Stammgäste ebenfalls den ‘Grünen Bonus’ von 10% erhalten (egal mit welchem Fahrzeug sie anreisen!) ist mir nicht ganz klar. Ich persönlich hätte hier zumindest irgendeine Unterscheidung vorgezogen, weil es nach außen so wirkt wie: Bei unseren Stammkunden ist es uns egal, ob sie die Luft verpesten!
Durch geschickte Planung bei der Hotelrenovierung und Hartnäckigkeit in den Verhandlungen mit den Behörden hat sie etwas umgesetzt, was angesichts des mittlerweile rundum beschlossenen Ausstiegs aus der Atomenergie ein Eckpfeiler in der Energiepolitik werden könnte: Jeder produziert seine Energie selbst, spart durch geschicktes Bauen sogar Energie ein und gibt etwas an die umliegenden Gebäude ab, die das (aus welchen Gründen auch immer) nicht können.
Das indische Großunternehmen TATA hat weltweit mit seinem TATA Nano (um rund 1.770 Euro) für Aufmerksamkeit gesorgt. Um ein Fahrzeug zu diesem Preis herstellen zu können, bedurfte es einer besonderen Philosophie. TATA bindet Zulieferer über längere Zeit an sich und entwickelt auch mit ihnen zusammen Bauteile (so z.B. mit einigen deutschen Firmen wie Bosch, das selbst eine Produktion in Indien hat).
Die strikte Preisvorgabe (100.000 Rupien) zwang die Designer zu komplettem Umdenken.
- Es gibt keine Heckklappe, den hinteren Stauraum erreicht man durch Umklappen der hinteren Sitzbank.
- Die Fenster der hinteren Reihe sind fest eingebaut, also nicht zu öffnen.
- Es gibt nur einen Rückspiegel auf der Fahrerseite.
- Es gibt nur einen Scheibenwischer (wie bei Mercedes).
- Das Lenkrad besteht aus nur einem Teil.
- Es gibt keine Servolenkung (bei einem Gewicht von rund 700 Kilo nicht nötig).
- Der 2-Zylinder-Heckmotor wird durch Lamellen nahe der hinteren Radkästen gekühlt.
- Die Anzeigen sind in der Mitte (wie auch beim Mini von Beginn an), daher kann der Nano sehr einfach rechts- oder linksgelenkt ausgeliefert werden.
- Es gibt keine Airbags, kein ABS, aber eine sichere Fahrgastzelle (siehe europäischen TATA Nano Crashtest – allerdings dort schon mit Airbags).
[ASIT-Prinzip: Objektentfernung], [TRIZ-Lösungsprinzip Nr. 2: Abtrennung]
Wenn TATA letztendlich auch den Preis von 100.000 Rupien nicht ganz einhalten kann, ist das trotzdem der Einstieg für Millionen neuer Autofahrer in Indien, die bisher einspurig unterwegs waren. 2009 wurden Bestellungen durch Verlosung zugeteilt. Jetzt ist der Nano (mit einer Fülle von Finanzierungsangeboten) schon ab Schauraum beziehbar.
Eine 3-Zylinder-Version mit verstärkter Karosserie soll 2011 auch in Mitteleuropa (vorerst in Polen) für rund 5.000 Euro zu haben sein. Am Genfer Autosalon wurde dieses Jahr sogar eine Elektrovariante des Nano vorgestellt.
Der Konzern TATA fördert auch den Mut, sich an Neues zu wagen, in dem er einmal pro Jahr einen Preis für die beste ‘gescheiterte Idee’ ausschreibt. Diese Textpassage habe ich im neuen Buch von Jens-Uwe Meyer ‘Kreativ trotz Krawatte’ auf Seite 21 gefunden. Er beschreibt dort auch sehr schön, dass die Innovationskulturen erfolgreicher Unternehmen durchaus unterschiedlich sind.
Ein Beitrag im Blog von Burkhard Schneider über das Thema ‘Zeit’ hat mich darauf gebracht, dass es durchaus möglich ist, auch in diesem Bereich radikale Innovationen anzubieten. Die von ihm in seinem Beitrag erwähnte Firma Dobotec hat einen OVERNIGHT-Service entwickelt, bei dem sie z.B. den Austausch von Bodenbelägen über Nacht anbietet. Sie renovieren Büroräume über Nacht bei voller Möblierung ohne Betriebsunterbrechung. Für dieses Konzept ist eine ganz spezielle Spachtelmasse und zeitsparendes Arbeitsmaterial nötig. Auch sind die Mitarbeiter besonders ausgebildet, um Computer, Telefone und Möbel zu bewegen. Sämtliche Abläufe müssen miteinander optimal abgestimmt sein, damit um 4.00 Uhr morgens alles wieder an seinem Platz steht.
Noch radikaler ist das Konzept der ‘Fraktalen Fabrik’ nach Hans-Jürgen Warnecke. Die Fraktale agieren nach dem Prinzip der Selbstorganisation und der Selbstoptimierung als eigenständige Unternehmenseinheiten. Sie können dadurch auch Zeitabläufe extrem optimieren. Der Unternehmensberater Ernst Weichselbaum aus Waidhofen/Ybbs half 1996 schon der oberösterreichischen Firma Peneder Brandschutztore, ihre Lieferzeiten von ca. 4 Wochen auf 30 (!) Stunden umzustellen. In einem Artikel aus 2009 schreibt Weichselbaum, dass bei guten Firmen die Durchlaufzeit zur Bearbeitungszeit im Verhältnis 93:7 steht. Hier schlummern also noch tolle Reserven. Weichselbaum verzichtet auf jede Analyse des IST-Zustandes, denn er sagt: “Aus der Sicht des Bisherigen ist das Neue immer falsch”. Statt der Frage: “Geht es nicht besser?” stellt er lieber die Frage: “Geht es nicht anders viel besser?” Allerdings braucht es für die Zusammenarbeit mit ihm risikofreudige und willensstarke Unternehmer, denn die nötigen Umstellungen sind eine Revolution gegenüber den bisher angewandten Prozessen!
Spannend, was IKEA sich alles für ‘Radikale Innovationen’ in Bezug auf Guerilla Marketing einfallen lässt. Wobei die Anwendung von ‘Guerilla Marketing’ selbst schon für viele Firmen eine radikale Innovation darstellt. IKEA dekorierte z.B. in Manhattan Bushaltestellen, Gehsteige und Wiesen, stellte gefüllte Trinknäpfe für Hunde zur Verfügung und behängte Haltestangen in der U-Bahn mit Topflappen-Handschuhen (siehe Video). Im Frühjahr wurden Haltestellen in der Pariser Metro mit IKEA-Möbeln ausgestattet (siehe Video).
In Köln mischten sich 7 als Kartons verkleidete Teilnehmer in einen Karnevalsumzug und deren Helfer verteilten blaue IKEA-Tragetaschen, um für eine neue IKEA-Filiale zu werben (siehe Video).
Eine andere Idee von IKEA, die für starke Aufregung sorgte: Man nehme einen Film mit weltbekannten Schauspielern, statte einen Zuschauer im Kino mit einer speziellen Dia-Projektionslampe aus und lasse diesen ca. 3 Mal während des Films Produktnamen und -preise auf die entsprechenden Gegenstände im Film projezieren, um danach am Ausgang den IKEA-Katalog zu verteilen. Die Kommetare zu diesem Video reichen von ‘Gigantisch’ bis zu ‘So eine Sauerei!’. Die Idee ist eher abgefahren, es könnte sich um einen Fake handeln. Oder der erste IKEA-Kinokatalog ist nur ein netter Werbefilm.
http://www.youtube.com/watch?v=pxwZJH2S86g
Sicher ein Fake dürften allerdings die von einer anderen Möbelkette (Conforama) über Paris per Fallschirm abgeworfenen Möbel sein (siehe Video). Vielleicht auch nur ein getürkter Werbefilm. Zumindest waren dann alle angeblich abgeworfenen Möbelstücke (samt Tragegurten und Fallschirmen) in den Auslagen der Conforama-Filiale am Pont-Neuf zu bewundern.
Gerade bei diesem Beispiel, das ich bei WELT-online gefunden habe, zeigt sich wieder einmal ganz deutlich, dass für gewisse Technologiesprünge auch neue Wege (neue Verfahren) im Produktionsprozess gefunden werden müssen, um diesen den Durchbruch zu ermöglichen. Das Ablagern einer Indiumzinnoxid-Schicht auf der Glasscheibe erfolgt Atom für Atom, damit die Scheibe später keine Risse bekommt. Genannt wird dieses neue Verfahren “High Power Impulse Magnetron Sputtering”. Und ist auch noch kostengünstig!
Durch diese Beschichtung wird eine Scheibe beschlagsfrei, was besonders im Winter von großem Vorteil ist. Außerdem kann die Scheibe ohne Drähte beheizt werden, da die Beschichtung elektrisch leitfähig ist. Sowohl im Haus- wie auch im Automobilbau ergeben sich daraus interessante Perspektiven.
Dann kann einem auch das nicht passieren, was folgendes Video zeigt:
Die “intelligenten Netze” werden in Zukunft dafür sorgen, dass der Strom dorthin fließt, wo er gerade gebraucht wird. Wir werden tagsüber auf unserem Haus mit Sonnenkollektoren oder anderen Systemen Energie erzeugen und diese in das Netz einspeisen. Abends holen wir uns dann einen Teil davon zurück. Die Abrechnung erfolgt über “Smart Meter”, die den Energielauf in beiden Richtungen messen.
In dieses Konzept sollen auch Elektrofahrzeuge einbezogen werden, die oft stundenlang ohne Verwendung herumstehen. In dieser Zeit könnten sie mit ihren Batterien als Energiespeicher dienen. Dieser Kreislauf wird recht anschaulich auf der österreichischen Homepage zum Thema “Smart Grids” dargestellt. Damit einher geht der Einsatz von Computersystemen, die diese intelligenten Netze steuern. Es wird deshalb möglich sein, dass sich bestimmte Geräte nur dann einschalten, wenn der Strompreis gerade günstig ist. Oder Energie ans Netz abgeben, wenn der Strompreis gerade einen guten Ertrag bietet.
Das MIT (Massachusetts Institute of Technology) hat 2008 ein interessantes Mobilitätskonzept für Städte entwickelt. Stapelbare Elektrofahrzeuge mit 2 oder 4 Rädern stehen an vielen Stellen zur Verfügung, z.B. bei U-Bahn-Ausgängen. Dort werden sie aufgeladen und können per Karte entlehnt werden. Auf dem Parkraum, den 2 PKWs benötigen, können schon 6 stapelbare Kleinautos abgestellt werden. Da diese Fahrzeuge maximal 45kmh fahren, brauchen sie auch nicht die üblichen Sicherheitsmerkmale und sparen so Gewicht.
Durch GPS-Ortung kann der jeweilige Standort eines Fahrzeugs sowie das genaue Bewegungsmuster der Fahrzeuge aufgezeichnet werden. Das liefert die Daten zur Verfeinerung des Konzepts, an welchen Stellen der Stadt wann wieviele Fahrzeuge gebraucht werden. Abgesehen davon kann jeder Benutzer natürlich dabei auch vom eingebauten Navigationssystem profitieren.
Ein sehr interessantes Beispiel für radikale Innovation ist das Projekt ‘Better Place’ von Shai Agassi. Dafür hat er seinen schönen Vorstandsposten bei SAP aufgegeben! Er ist davon überzeugt, dass elektrische Energie den heute verwendeten Treibstoffen für Autos den Rang ablaufen wird - schon allein aus Umweltschutzgründen. Und weil die Erdölvorräte immer weniger und die Preise immer höher werden.
Interessant sind seine Denkansätze:
Er trennt gedanklich die Batterie vom Auto (TRIZ-Lösungsprinzip Nr. 1: Zerlegen). Außerdem findet er, dass bei vielen von uns die Autos nur kurz benutzt werden (am Weg in die Arbeit) und dann stundenlang unnütz herumstehen. Daher könnte jede dieser unproduktiven Zeiten dazu verwendet werden, um die Batterie wieder aufzuladen (TRIZ-Lösungsprinzip Nr. 22: Aus Schädlichem Nützliches machen).
Ein wesentlicher Faktor einer radikalen Innovation ist ein neues Geschäftsmodell. Hier schlägt Agassi vor, ein erfolgreiches Modell aus der Mobiltelefonie zu übernehmen: Mach einen langfristigen Vertrag mit deinem Stromversorger und wir stellen dir dein Elektroauto gratis (oder für einen minimalen Betrag zur Verfügung). Als Partner hat er Nissan Renault gewonnen, die voll bei seinem Konzept mitziehen. Wobei das Ziel von Renault mit seiner gesamten E-Flotte durchaus ehrgeizig ist. Angesteuert wird nicht eine schrittweise Reduktion der Schadstoffe, sondern gleich das Nullemissions-Auto!
Wie es mit ‘Better Place’ laufen könnte, zeigt folgendes Video
Mehrfach hatte ich ja schon darüber berichtet, dass radikale Innovationen meist nicht von einem Tag auf den anderen passieren. Dafür ist ‘Otto Normalverbraucher’ nicht gebaut. Und auch der Risikofaktor ist für die meisten Firmen zu hoch. Meist entwickelt sich eine radikale Innovation über Jahre hinweg (und hinterlässt manchmal auch ein paar Firmenleichen auf dem Weg). Nach langer Zeit der Weiterentwicklung ist dann der Abstand zur ursprünglich ‘alten’ Version so groß, dass der Unterschied wirklich radikal erscheint.
Genau das beobachte ich seit einiger Zeit beim Übergang vom Papier-Buch zum elektronischen Buch. Im November 2008 hatte ich von den ersten Erfolgen von Kindle und Konsorten berichtet. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde die steigende Bedeutung des eBuchs immer deutlicher. Und seit ich die beiden Videos von eReader 2.1 (Teil 1) (Teil 2) gesehen habe, ist mir das unheimliche Potenzial noch stärker bewusst geworden. Hier nur einige Vorteile:
- Du kannst im Hoch- oder Querformat lesen.
- Du kannst händisch umblättern oder den Text in stufenlos einstellbarer Geschwindigkeit ablaufen lassen (wichtig für alle Fitnessfreaks, die am Hometrainer nicht fernsehen sondern lesen möchten).
- Du kannst den Hintergrund wählen.
- Du kannst die Buchstabengröße bestimmen (das derzeitige Angebot an Papier-Büchern in großer Schrift ist beschämend gering!).
- Du kannst den gesamten Text nach bestimmten Begriffen durchsuchen.
- Wenn du ein Wort nicht verstehst: Drauftippen und das Lexikon liefert die Erklärung.
- Du kannst einzelne Zeilen und Absätze hervorheben.
- Wenn du neue Bücher bestellst und du wählst eines an, dass du schon gespeichert hast, zeigt die Software das sofort durch ein Häkchen an (wir haben gerade vor Weihnachten 2 Bücher gekauft, die wir schon hatten - der totale Überblick fehlt).
- Es sind auch mehrere Downloads gleichzeitig bzw. knapp hintereinander möglich, d.h. man muss nicht warten bis das erste Buch komplett geladen ist, bevor das nächste beginnt.
Und all das funktioniert auf meinem iPhone. Ich muss mir daher nicht unbedingt einen eReader kaufen. Obwohl der größere Bildschirm und die eTinte natürlich wesentlich größeren Komfort bieten! Ich kann sogar gratis im App Store ‘Kindle for iPhone‘ herunterladen, um unterwegs schnell ein eBook bei Amazon zu kaufen. Für mich ist übrigens ein eReader ohne Internetanschluss in Zukunft ein absolutes NoGo!
Ich bin ja schon gespannt, ob Apple tatsächlich 2010 mit einem eigenen eReader herauskommt!?!