Archiv der Kategorie: Interne Strukturen

Heute beim Frühstück…

Foto: Gerrit Prenger, Netherlands…sind wir darauf zu sprechen gekommen, dass es allein schon im Laufe unseres Lebens zu einigen radikalen Veränderungen gekommen ist. Wer nach dem zweiten Weltkrieg in Wien aufgewachsen ist, kann sich noch gut daran erinnern: Das ‚indische‘ Klo= jenseits des Ganges, jeweils eines oder zwei pro Stockwerk, Wasser nur bei der ‚Bassena‘ am Gang. War das eine Revolution, als es erstmals (kaltes) Wasser ‚in der Wohnung‘ gab! Das Klo war Foto: Arjun Kartha, Indiaimmer noch draußen. Der nächste ‚Hit‘ war warmes Wasser (mittels Elektroboiler) in der Wohnung. Und dann die ausziehbare Badewanne oder die nachträglich eingeflickte Dusche – es gab ja nur einen einzigen Wasserablauf im Raum (der meist Vorzimmer und Küche in einem war). Teurere Wohnungen hatten da schon Toiletten in der Wohnung, meist mit Fenster zum Gang und eiskalt.

Auch die Geschichte der Heizung ist interessant: Vorerst nur in der Küche (Holzofen), dann auch ein Ölofen im Wohn-/Schlafzimmer. Wir haben das Heizöl noch von der Foto: sanja gjenero, Croatianächstgelegenen Tankstelle im Kanister nach Hause geschleppt, später dann ins Haus geliefert bekommen und im schmalen Kellerabteil eingebunkert. Was war das für eine Erleichterung als die ‚Gasetagenheizung‘ kam! Der nächste Schritt war eine gemeinsame Heizanlage im Keller pro Wohnhaus. Heute gibt es durch die Fernheizung nur mehr eine Anschlussstelle und die eigentliche Heizung ist weit entfernt.

Studium ‚on demand‘

Foto: Volodymyr Kyrylyuk, CanadaParadigmenwechsel an der Uni Hamburg: In Zukunft bestimmt nicht mehr das Angebot, sondern die Nachfrage, was an der Uni Hamburg gelehrt wird. Wissenschaftssenator Jörg Dräger verspricht sich davon eine radikale Wende. Die neue IT-Anwendung ‚Studien-Info-Netz‘ – kurz Stine genannt – wurde gerade mit einigem Holpern in Betrieb genommen. Dieses Informations- und Serviceportal für alle Angehörigen der Uni Hamburg verlangt von den Studenten, sich vorregistrieren zu lassen. Neben der Vormerkung für Seminare und Vorlesungen hält das System auch noch eine Evaluationsfunktion bereit. Hiermit soll ohne großen Aufwand jede Veranstaltung evaluiert werden können. Etwas, das an Fachhochschulen schon seit langem üblich ist, stößt bisher an Unis noch auf Widerstände.

Es ist interessant, dass man über den Umweg einer Software gleich zwei ‚radikale Umwälzungen‘ am Campus bewerkstelligen kann. O-Ton Senator Dräger: „Wir werden also den Übergang vom angebots- zum nachfrageorientierten Curriculum erleben.“

Mehr erfahren Sie darüber hier.

Das Ganze wurde übrigens im Rahmen der Bonner Konferenz ‚Campus-Innovation 2006‘ präsentiert. Wer mehr über diese Plattform IT-basierter Modernisierung von Forschung, Lehre und Hochschulverwaltung wissen möchte, kann sich direkt auf deren Homepage informieren.

Deutschland fast Weltmeister

FussballEin gutes Beispiel für ‚Radikale Innovation‘ liefert Jürgen Klinsmann als Chef der deutschen Fußballnationalmannschaft: Er hat viele der bestehenden Strukturen über den Haufen geworfen. Er ist der erste Teamchef, der dauerhaft viele tausende Kilometer außerhalb von Deutschland lebt (und nicht bei Übernahme seines Jobs umgezogen ist). Zwar hat auch Kaiser Franz als Teamchef in Österreich gewohnt, aber Tirol ist ja schon fast Deutschland.

Klinsmann hat radikal mit den bisherigen Trainingsgewohnheiten aufgeräumt, tritt fast immer mit seinen beiden Co-Trainern auf, hat Legenden auf die Ersatzbank gesetzt und die Spielanlage der Mannschaft komplett geändert. Damit hat er sich gleich bei den Vereinstrainern in die Nesseln gesetzt. Er verweigert jede Zusammenarbeit mit der Boulevardpresse (pflegt eine Intimfeindschaft mit der ‚Bild‘) und bleibt stur beim eingeschlagenen Erfolgsrezept. Er geht auch keinem Konflikt mit dem DFB aus dem Weg. Seit er es zumindest bis ins Halbfinale geschafft hat, sind seine Kritiker verstummt. Trotzdem muss man ehrlich sein: Die vielen Zugeständnisse, die Klinsmann vom DFB gemacht wurden, waren nur möglich, weil die deutsche Nationalmannschaft mehr oder weniger am Boden war. In der Krise lebt die Chance für radikale Innovationen!

[Foto: Carsten Reisinger, Miami]

Nie mehr oder immer wieder

Das ist der Titel eines Artikels in der Wirtschaftswoche Nr. 27/2006, der mir eine Geschäftsidee in Erinnerung gerufen hat, die mir vor Jahren bereits begegnet ist. Schon 1959 hat Höltl sen. aus Tittling sein rollendes Hotel als ‚Rotel‘ zum Patent angemeldet. Er hatte einen alten Möbelwagen umgebaut und dort Schlafkojen installiert, die lt. Wirtschaftswoche den Charme von Computertomografen haben. Wer schon einmal in der Röhre gelegen hat, kann sich das Gefühl in diesen Schlafkojen vorstellen. Heute gibt es allerdings auch schon Doppelbettkojen. Wurde früher immer der umgebaute Möbelwagen als Anhänger am Reisebus mitgezogen, gibt es heute für kleinere Gruppen die Schlafkojen bereits im Bus eingebaut.

Die Idee dazu kam Höltl, nachdem es seine Gäste bei einer Reise eines Nachts mitsamt ihrem Zelt weggeschwemmt hatte. Damals beförderte er Pilger preisgünstig zu ausländischen Pilgerstätten. Sogar bis Jerusalem. Das beflügelte ihn dazu, immer längere Reisen abseits von Touristenrouten anzubieten. Und hier mit dem selbst mitgeführten Hotel unabhängig zu sein. Ich muss zugeben, dass ich damals seine Idee sehr belächelt habe – ich war sicher nicht der Einzige. Heute hat Höltl 94 Busse in verschiedenen Ländern stationiert und verschickt jedes Jahr einen knapp 200 Seiten starken Katalog. Er bietet exotische Reisen an, die auch schon mal 40 Tage dauern können. Und seine Kunden wenden sich nach einer einmaligen Erfahrung geläutert ab oder sind begeistert und buchen Jahr für Jahr wieder.

Auch kopieren kann radikal sein

Radikale Innovationen sind besonders in den Branchen sinnvoll, die in einem quasi ‚geschützten‘ Bereich arbeiten. Das haben wir bei vielen Branchen schon erlebt, wie z.B. bei Buchhandlungen, Drogerien, Parfümerien, aber auch bei Apotheken. Man übernimmt einfach etwas, das woanders bereits üblich (und erprobt) ist, auch wenn es noch so viele Widerstände gibt. So ist es mit Medikamenten über das Internet passiert – wenn die rechtliche Situation im eigenen Land nicht passt, wandert man dann eben ins Nachbarland.

Oder ein anderes Beispiel: Weltweit haben sich in der Gastronomie ‚Drive-in‘-Lokale etabliert. Kennen Sie schon Deutschlands 1. Drive-in-Apotheke? Die Hamburger Alpha-Apotheke von Ulf Haverland hat in der Branche Aufsehen erregt und eine Menge Anfragen von interessierten Kollegen gebracht. Die Kunden können diskret bedient werden, auch Mütter schätzen es, wenn sie ihre Kinder nicht allein im Auto lassen müssen. Die Zeitschrift Akzente hat darüber in ihrer Ausgabe 4/2005 berichtet. Akzente ist ein Magazin für EDV und Marketing in der Apotheke. Es fördert auch den Zusammenschluss von Apotheken.

Billigfluglinien setzen auf radikale Innovationen

Foto: Luc Sesselle, BelgienNicht nur der Preis ist radikal (Zu- und Abfahrt vom Flughafen kosten oft mehr als der ganze Flug!), sondern auch eine Reihe anderer Dinge:
1. Die Maschinen sollen so kurz wie möglich am Boden stehen, d.h. schnell tanken, schnell ent- und beladen, schnell aus- und einsteigen – daher freie Sitzplatzwahl.
2. Bei maximal 1,5 Stunden Flug brauche ich keine verstellbare Sitzlehne – spart Anschaffungskosten.
3. Bei maximal 1,5 Stunden Flug gibt es nur Snacks – und die kosten extra.
4. Billigfluglinien transportieren oft Städtereisende, da genügt Handgepäck – wer mehr hat, zahlt extra.
5. Statt in teuren Büros wird nur über das Internet gebucht.
6. Je früher man bucht, desto günstiger ist es – eine ausgeklügelte Software reguliert selbständig die Preise, je nachdem, welche Auslastung erreicht ist.

All diese Dinge wurden bei Einführung von den meisten Experten so beurteilt: „Das klappt nie! Das lassen sich die Kunden nicht gefallen!“. Genau das Gegenteil ist eingetreten – durch die günstigen Preise (deshalb waren auch die radikalen Innovationen nötig) wurden ganz neue Zielgruppen erschlossen. Und die etablierten Fluglinien haben nach und nach die eine oder andere ‚Innovation‘ übernommen.

Strohhütte statt Hotelzimmer

Ein sehr interessantes Konzept in Bezug auf eine Dienstleistung hat Anfang der 50er-Jahre der Belgier Gérard Blitz (zusammen mit dem Franzosen Gilbert Trigano) erfunden. Er hat als Zielgruppe junge Leute angesprochen, die wenig Geld hatten, diesen aber eine neue Form des Abenteuer- und Erlebnisurlaubs im Mittelmeer (auf den Balearen) angeboten. Damit war der erste ‚Club Mediterranée‘ geboren. In seinen ersten Clubdörfern hat man zwar auf Feldbetten in Strohhütten geschlafen, konnte dafür essen und Rotwein trinken soviel man wollte, etliche Sportarten oder andere Freizeitaktivitäten ausüben und jeden Abend an einer anderen Veranstaltung teilhaben. Damit war ‚all inclusive‘ geboren, wenn auch noch manche Extraleistungen mit der clubeigenen Perlenkette (1 Whisky: 3 Perlen) zu berappen waren.

Erstmals wurden die Gäste auch sehr massiv in das Geschehen miteinbezogen. Nicht immer zum Wohlgefallen aller, die sich nicht ‚vereinnahmen‘ lassen wollten. Da sich nicht nur im nächtlichen Discotaumel, sondern auch tagsüber zahlreiche Möglichkeiten ergaben, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, war der ‚Club Med‘ bald auch als ‚Kontaktbörse‘ schlechthin bekannt. Handtuch über der Hüttentür hieß für den Hüttenkollegen „Bitte nicht stören!“. Interessant auch, dass es anfangs nur 2-Bett-Hütten gab und man als Single nie wußte, mit wem man die Hütte teilen würde (wenn der Club sehr voll war).

Der Club Med hat sicher die gesamte Touristikbranche revolutioniert – heute sind sog. ‚Cluburlaube‘ gang und gäbe. Dass sich diese so rasch ausbreiten konnten, liegt allerdings auch daran, dass im Club Med weltweit fast nur französisch gesprochen wurde. Bescheidene Versuche, auch anderssprachige Gäste in das Geschehen einzubinden, waren seinerzeit nicht wirklich von Erfolg gekrönt – ohne Kenntnisse der französischen Sprache war alles nur halb so lustig. In diese Lücke sind besonders deutschsprachige Reiseveranstalter (Beispiel Robinson) sehr rasch gestoßen.

Blumen statt Aschenbecher

Das Archiv der deutschen ZEIT liefert einen interessanten Beitrag zu unserem Thema: Seit die 46 Jahre alte Laurence Parisot 2005 die Spitze des französischen Unternehmerverbandes Medef übernommen hat, verkörpert sie durch ihre Person („Sie ist anders als ihre Vorgänger – viel aufmerksamer und ruhiger“) und ihr Verhalten ‚radikale Innovation‘. In ihrem Verband erließ sie ein Rauchverbot und ließ Aschenbecher durch Blumen ersetzen. Gewerkschaftsvertreter empfängt sie im Chefzimmer statt im fensterlosen Kellersaal und die 600 Delegierten ihres Verbandes lud sie statt in eine öde Kongresshalle zu einer Eisenbahnfahrt in die französische Provinz ein.

Die internen Strukturen änderte sie dahingehend, dass sie die Hälfte der Posten in der Führungsetage mit Frauen besetzte. Vor allem mobilisierte sie für ihre Wahl die Landesverbände in der Provinz für sich, die schon immer gegen das Diktat der Pariser Zentrale kämpften. Damit gewinnt sie intern und extern (sogar bei den Gewerkschaften) an Profil.

In ihrer Bürosuite hängen dadaistische und surrealistische Bilder von Marcel Duchamp und Jean Cocteau. Warum? „Aus Liebe zur radikalen Innovation“ sagt sie, “ diese Künstler haben den Konformismus erfinderisch bekämpft.

Den gesamten Artikel vom 16.3.2006 finden Sie hier.

IKEA und die radikale(n) Innovation(en)

IKEA-LogoEigentlich wollte ich nur über 2 prozessorientierte Innovationen berichten. Bei näherer Beschäftigung mit dem gelbblauen Riesen ist mir jedoch plötzlich eine ganze Fülle von ‚branchenunüblichen‘ Innovationen entgegengepurzelt!
1947: IKEA-Gründer Kamprad beginnt Möbel per Versand an die Bauern der Umgebung zu verkaufen, um die Kosten vom Hersteller zum Kunden niedrig zu halten.
1951: Der erste Möbel-Katalog erscheint – es werden komplette Zimmer gezeigt. Angeblich revolutionär für die damalige Zeit.
1956: Kamprad lässt Möbel nach eigenen Entwürfen entwickeln, und zwar so, dass sie aus lauter flachen Teilen bestehen, die (zusammen mit einer Selbstbauanleitung) in flache Kartons passen. Damit können seine Möbel später auch in PKWs transportiert werden.
In den Sechzigern rufen die schwedischen Möbelhändler zum Boykott auf, die Hersteller liefern nicht mehr. Kamprad wandert (mitten im kalten Krieg) mit der Produktion nach Polen, später noch weiter ostwärts.
1965 eröffnet er das erste Möbelhaus in Stockholm. Weil der Kundenansturm übergroß ist, lässt er das Lager für die Kunden öffnen. Das erhebt er später zum Prinzip und bezieht das Lager in jedem neuen Möbelhaus von vornherein in den Verkaufsraum mit ein.

Weitere Innovationen, die IKEA zu Weltruhm verholfen haben, finden Sie bei Wikipedia.